Mittwoch, 5. November 2008

A Night To Remember

Ich dachte eigentlich, ich hätte heute Abend schon alles erlebt, aber es kam noch besser, als ich eben auf dem Heimweg von der Wahlparty war.

Aber der Reihe nach:
Um 7:30 Uhr kommen wir im MacMillan Center an, wo das Political Science Department heute eine große Wahlparty mit Ansprachen zweier Professoren veranstaltet.


Die Stimmung ist prächtig, die Bude ist voll und man muss fix sein, um ein paar Stücke der leckeren Pizza abzugreifen. Es gibt Bier und Wein und die Stimmung steigt von Minute zu Minute, weil immer mehr Staaten an Obama gehen. Der entscheidende Moment ist der prognostizierte Sieg in Ohio, denn damit hat Obama schon die Mehrzahl der Stimmen aus den "swing states", den umkämpften Staaten geholt. So ist ihm der Sieg fast nicht mehr zu nehmen. Entsprechend gelöst und euphorisch ist die Stimmung im Saal.

Mittendrin mein Freund Pierre aus Tübingen, der an diesem Abend ganz in seinem Element ist. Er schreibt im Minutentakt Blogeinträge zu aktuellen Wendungen im Geschehen und ist damit fast so schnell wie der LiveBlog der New York Times. Jede Ecke im Raum ist dazu recht, Hauptsache Strom und Internet und das Ganze schnell. So sieht moderner Journalismus aus:


Jetzt kann McCain eigentlich nur noch ein Wunder helfen, denn mit den Stimmen aus den demokratischen Hochburgen an der Westküste, allen voran Kalifornien ist Obama fast nicht mehr zu schlagen. Leider erfahren wir diese endgültige Kunde nicht mehr auf der Wahlparty im MacMillan Center, weil man dort pflichtbewusst um 23 Uhr den Laden dicht macht, herzlichen Glückwunsch zum tollen Timing.

Wir hetzen also schnell zur Law School, wo man auch eine Übertragung eingerichtet hat. Jubelschreie leiten uns den Weg zum richtigen Raum und wir sehen, dass CNN soeben Obama als Sieger der Wahl und somit neuen Präsidenten ausgerufen hat.

Es ist vollbracht.

Wenig später knallen die Sektkorken (ich hab meinen zielsicher in einer Deckenlampe versenkt :-)) und die Party ist in vollem Gange.

Alle erwarten dann gespannt die Rede von Obama in Chicago, aber zunächst gibt es Applaus für den würdigen Verlierer McCain, der den Blick auf das große Ganze nicht verliert und statt verbitterter Miene die Einigkeit des amerikanischen Volkes gerade in dieser schweren Zeit betont und seine Hilfe in einem gemeinsamen Neuaufbau anbietet. Statt von Differenzen spricht McCain von Gemeinsamkeiten, er betont das eindeutige Votum des amerikanischen Volkes und seinen Respekt und seine Anerkennung für den Sieger. McCain verdient sich in dieser Stunde den Respekt vor einem großen Verlierer und wahren Patrioten.

Dann ist endlich der große Augenblick gekommen, Obama erscheint vor über 150 000 Menschen in Chicago. Seine Rede ist mitreißend, er beschwört einen neuen Geist, eine neue Hingebung, Solidarität und Opferbereitschaft im amerikanischen Volk, um die Krise zu meistern. Er erinnert an die vielen historischen Krisenmomente, aus denen die USA erfolgreich und gestärkt hervorgegangen sind und sein beschwörendes "Yes, we can" wird von der Menge euphorisch aufgenommen: "Yes, we can" schallt es ein ums andere Mal aus dem Publikum zurück und man gewinnt den Eindruck, dass es sich hier um einen historischen Wendepunkt der amerikanischen Geschichte handeln könnte:

Der erste schwarze Präsident der Vereinigten Staaten, eine unglaublich hohe Wahlbeteiligung, eine Euphorie und Aufbruchstimmung, die das Land auf einer Welle nach vorne tragen könnte...man hat den Eindruck, das amerikanische Volk hat heute eine Weg weisende Entscheidung getroffen!

Auf dem Nachhauseweg fühle ich mich wie nach einem Sieg der türkischen Nationalmannschaft im Halbfinale der Weltmeisterschaft: Überall Autokorso, schreiende Menschen auf der Straße, und dann der Höhepunkt:

Ich komme in die Nähe des Old Campus und höre ohrenbetäubenden Lärm. Im Innenhof der Uni haben sich über 1000 Studenten versammelt und feiern eine spektakuläre Party.


Alle sind außer sich, schreien, singen, lachen, tanzen, jubeln. Wildfremde Menschen fallen sich in die Arme, Obamas Sieg ist ein Ereignis, das alle vereint. Es spielt eine improvisierte Blaskapelle, die amerikanische Nationalhymne wird angestimmt, dann gibt es "Obama" und "Yes, we can" Sprechchöre.


Es wird ein riesiger Kreis gebildet und im Innern rennen und springen Studenten mit US-Flaggen um die Wette. Alle Studenten sind so ausgelassen, sie machen den Anschein, als ob mit Obamas Sieg heute eine neue Zeitrechnung beginnt. Sie alle haben Hoffnung auf einen Neuanfang, auf neuen Respekt für ihr Land in der Welt und auf Gerechtigkeit für die Menschen zu Hause.

Es ist jetzt 2 Uhr nachts und die Party auf den Straßen geht weiter, sie vereint heute Nacht alt und jung, schwarz und weiß, arm und reich. Bleibt zu hoffen, dass das neue Selbstvertrauen in das eigene Land und der Wandel, den Obama verkörpert, keine Worthülle und Momentaufnahme bleibt.

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Da hast du ja ganz schön viel miterlebt :)
Wir in Deutschland freuen uns auch, dass Obama gewonnen hat und er nun der erste schwarze Präsident in den USA wird.
Weißt du auch, was die Studenten von Obama erwarten,weil auf dem Campus so eine große Party im Gange war, als das Ergebnis verkündet wurde?
Im Radio sagte heute ein 62 Jahre alter Mann, der lange in den USA gelebt hat, er hoffe nun darauf, dass die USA wieder zum Vorbild für die Nationen werden könne, auch in Bezug auf die Menschenrechte.
Viele Grüße aus Lichtenstern

Benjamin Friedrich hat gesagt…

Ich denke Obama steht einfach für frischen Wind in der US-Politik, er steht für liberale Ansichten bezüglich Abtreibung, Homosexuelle, ..., was im liberalen Yale auch gerne gesehen wird. Außerdem ist er einfach der gelebte "American Dream", seine Person ist ein Symbol, dass Amerika ein Land ist, wo Leistung belohnt wird und es jeder nach oben schaffen kann. Letztlich geht es sicher auch um Amerikas Ansehen in der Welt, da hat sich Bush ja nicht mit Ruhm bekleckert, und Obama macht nun Hoffnung auf Frieden.